Eginald Schlattner

„Ruhepol inmitten einer bewegten Welt“

Eginald Schlattner und Gabriela

Eginald und Gabriela

Eginald Schlattner, in Deutschland als Bestsellerautor gefeiert, lebt als Gemeinde- und Gefängnispfarrer in einem siebenbürgischen Dorf und weigert sich seine Heimat zu verlassen. Und das obwohl all seine Schäfchen bereits seit über einem Viertel Jahrhundert ausgewandert sind! Wie ein Fels in der Brandung dient er als Inspirationsquelle und verleiht durch seine standhafte, bodenständige Art vielen seiner Besucher Kraft. Vielen hilft er nebenbei, Antworten auf manch wichtige Haltungsfragen des Lebes zu finden.

 

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Radu Gabrea – Abschied in Rothberg

Es ist der zwölfte Februar, der Sonntag an dem in Bukarest die Beerdigung des bekannten rumänischen Regisseurs Radu Gabrea stattfindet. Im siebenbürgischen Dorf Rothberg lässt eine zögerliche Sonne die gefrorenen Pfützen langsam auftauen. Auf den ersten Blick wirkt das Dorf fast menschenleer.
Zu dritt, etwas vereinsamt, irren wir im Hof der Evangelischen Kirche herum. Die weit offen stehende Tür lässt unseren Blick über die leeren Bänke wandern. Zum Gottesdienst lädt ein fröhliches Zigeunermädchen ein. Der Raum, von Menschen verlassen, von Gott jedoch noch nicht, strahlt traute Ruhe aus. Trotz allgegenwärtigen Lichts, welches den Raum bis in die letzte Ecke zumindest optisch mit warmen Tönen durchflutet, beißt im Inneren der Kirche die Kälte stärker als draußen.
Bekleidet mit einer von Fell gesäumten Kutte betritt Pfarrer Eginald Schlattner den Raum. Mit neutraler Stimme erklärt er uns wo genau die Gemeindemitglieder hier einmal gesessen haben: links, vor dem Altar, die jungen, unverheirateten Frauen, vorne die konfirmierten Mädchen, dahinten die Frau Pfarrerin… Ihre Plätze sind immer noch reserviert. Ordnung muss sein. Wer weiß, vielleicht sind sie alle noch da. Nun, wir können sie leider nicht sehen…

Wir setzen uns in die zweite Reihe und wickeln uns notdürftig und dankbar in den schwarzen Schulter- und Kopftüchern der ausgewanderten sächsischen Bäuerinnen ein. Als Bestandteile der dörflichen Sonntagstracht, die achtlos zurückgelassen wurden als die Gemeinde für immer nach Deutschland aufbrach, werden sie zumindest diesmal noch einmal gebraucht.

Der Pfarrer spricht über seinen Freund, der Regisseur Radu Gabrea, der wegen eines Herzleidens überraschend und in früherem Alter als er aus dem Leben ging. Bewundernde und respektvolle Worte findet er für die tröstende Liebe der Ehefrau Victoria, die alles stehen und liegen ließ, um sich in der letzten Jahren um ihren geliebten Mann zu kümmern.

Privat hatte sich zwar der Regisseur in ein Haus in ländlicher Umgebung zurückgezogen, beruflich jedoch ging er unbeirrt seinen Weg weiter. Genau genommen steckte er bis kurz vor seinem Tod mittendrin in der Arbeit an der Verfilmung des Lieblingswerks seines siebenbürgischen Freundes und Bestsellerautors Eginald Schlattner, „Das Klavier im Nebel“. Ob dieses Leinwandprojekt überhaupt noch zu Ende gebracht werde, sei ab sofort ungewiss.

Dass die rumänische staatliche Fernsehanstalt am Vorabend, als Hommage an den berühmten Regisseur, aus all seinen beliebten Filmen ausgerechnet die zwei Verfilmungen Eginald Schlattners autobiographischer Bücher zum Ausstrahlen wählte – dazu noch zu bester Sendezeit – hatte seinen geistlichen Freund zutiefst geehrt und berührt. Er sah darin einen Beweis der tiefen Verbindung, die er mit Radu Gabrea hatte.

Es war tatsächlich eine tiefgehende Freundschaft, die diese beiden führenden Persönlichkeiten der rumänischen Gegenwartskultur verband. Diese Zuneigung ging so weit, dass sich beizeiten der Regisseur stärker als der Autor mit den Hauptfiguren der Bücher identifizierte. Somit schaffte er es, die Erinnerung an eine vergangene Welt auf die Leinwand zu bannen, die den Schriftsteller Eginald Schlattner zwar immer noch beschäftigt und schmerzt, uns aber den Zugang zu verborgenen Wahrheiten, die sonst in der Geschichte tief vergraben geblieben wären , verschaffte.

Nein, Eginald Schlattner hat sich nicht sonderlich an der Gestaltung der Verfilmungen beteiligt; er hatte dieses Glück, sich vollkommen auf den Instinkt seines Freundes verlassen zu können. Radu Gabrea schenkte ihm im Gegenzug die Freiheit von manch quälenden Gedanken und traumatischen Erinnerungen und uns Allen gab er diese wunderbaren Kunststücke, die die Grenzen unserer menschlichen Wahrnehmung erweitern und uns auf der Suche nach dem Sinn sowohl erfreuen, wie auch zum Nachdenken ermutigen.

Vielleicht liegt der Grund der Anziehungskraft und Nähe zwischen diesen zwei außergewöhnlichen, schöpferischen Personen in den vielen, teilweise überraschenden Übereinstimmungen ihrer Schicksale. Ähnlich wie der Gefängnispfarrer aus Rothberg, stammte auch Radu Gabrea, wenngleich auch nur mütterlicherseits, von einer deutschen Familie ab. Gleichfalls wurde auch er als Student durch die Kommunisten inhaftiert und später freigelassen aber weiterhin verfolgt und schikaniert, bis er sich gezwungen sah, nach Deutschland zu fliehen.

Sowohl Pfarrer, wie auch Regisseur genossen ursprünglich eine technische Ausbildung und änderten später ihren Beruf nach ihren jeweiligen wahren Berufungen. Beide setzten sich mit der Problematik der Auswanderung und des Exils auseinander und beide entschieden sich für das Leben in der eigentlichen Heimat, Rumänien. Radu Gabrea kehrte nach der Wende zurück nach Bukarest, Schlattner blieb jedoch von Anfang an da, trotz widriger Bedingungen und massivem Auswandern.

Nichtsdestotrotz unterscheiden sich die Beiden in einer ganz wichtigen Sache: der Frage des Glaubens. Man sollte meinen, dass im Falle eines Pfarrers die Religion nicht in Frage gestellt werden darf, während man sich beim bewanderten Regisseur eher eine gewisse Neigung zum Zweifel vorstellen könnte. In Wahrheit sei dies genau umgekehrt gewesen.

Wollte man diese Lage durch Zitate aus den heiligen Schriften beschreiben, so passe dem Pfarrer Eginald Schlattner das Motto „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“, während Radu Gabrea mit Zuversicht und Gottesvertrauen dem Ruf „Befiel dem Herren deine Wege und hoffe auf ihn“ Folge geleistet habe. Eine Eigenschaft für die ihn sein Freund bewunderte und beneidete, denn er selbst hadere weiter mit seinem Schicksal, auf der Suche nach einem klareren Ergebnis.

So kommt es, dass der Pfarrer sich an manchen Tagen besonders stark freuen konnte, wenn ihn der zuversichtliche, positiv denkende Radu Gabrea mit einem unerwarteten Besuch während seines Gottesdienstes am Sonntag überraschte. Beim Anblick eines kahlköpfigen Mannes in den hinteren Rängen der Kirche schlug sein Herz sofort kräftiger und er eilte ihm gern mit offenen Armen entgegen, aus Leibeskräften kämpfend seinen korpulenten Freund zu umarmen. Ab nun werden diese Besuche für immer ausbleiben…

Stille in der Kirche. Der Dampf unseres Atems zeichnet sich in der kalten Luft ab. Die Zeit ist um. Wir stehen auf und treten vor die Tür. Über dem Eingang steht ein Spruch, der uns zu denken gibt: „Weise mir, Herr, deinen Weg.“ Ob religiös oder nicht, jeder von uns stellt sich ab und zu die Frage nach der Richtigkeit seines Weges. Die Sicht kann sich da gewaltig unterscheiden, je nach Höhe des Betrachters. Ob es in unserem Ermessen liegt, den Verlauf zu beurteilen, bleibt fraglich.

Unser Weg führt uns an diesem Tag im Kreis, besser gesagt um die Kirche herum. Wir verweilen für ein paar Augenblicke auf der Sonnenseite, auf einer vor kurzem aufgestellten Bank. Es tut gut, das Gesicht ins Licht zu halten. Keine Mauern, keine Gitter, weit und breit.

Von der Seite betrachtend, merke ich sofort, dass sich das Fundament der Kirche längst nicht mehr auf Bodenhöhe befindet. Manche Tatsachen entziehen sich nun mal langsam aber unentwegt unseren oberflächigen Blicken.

„Die Kirche versinkt in den Boden“, bemerke ich überrascht.
„Nein, es ist umgekehrt“, antwortet mir der Gefängnispfarrer, „der Boden erhebt sich um die Kirche. Denk doch noch einmal nach“.

Ich denke an vergrabene Schätze, ans Herum-Irren, an die versöhnliche Kraft des heimatlichen Bodens und an die letzte Ruhestätte eines Regisseurs, dessen Adresse ab nun in einem erdigen Ort des Friedens fest verankert bleiben wird. Was er uns hinterlässt ist mächtig und prägt die Erde, die sich um ihn schließt. Tiefe Eindrücke.

Rothberg, Februar 2017